Schnittlinien, 1923 von Wassily Kandinsky

Schnittlinien, 1923

(Intersecting Lines, 1923)

Wassily Kandinsky

Expressionismus  ·  Abstrakte Formen
Schnittlinien, 1923 von Wassily Kandinsky
1923   ·  Öl auf Leinwand  ·  60.14 Megapixel  ·  Bild ID: 557692   ·  Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Dusseldorf, Germany / bridgemanimages.com
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07.08.2018
Jana D.
Kunstdruck auf Photopapier Matt/Satin, 50cm x 35cm.
Wassily Kandinsky (1866 – 1944) wurde geprägt durch eine energetische und widersprüchliche Zeitepoche im Übergang des 19. zum 20. Jahrhundert. Er gilt als einer der Repräsentanten des „Silbernen Zeitalters“ der russischen Kunst, eine Ära, die den bildenden und darstellenden Künsten ebenso wie Literatur und Musik eine beispiellose Blütezeit brachte. Zu den Interessen des Künstlers zählten Musik (er spielte selbst Geige), die Beschäftigung mit Mystik und Okkultismus sowie eine Vorliebe für die russische Volkskunst. Auch setzte er sich mit der Lehre der Harmonie der Farben auseinander. Eben diese vielfältigen Impulse und Empfindungen fließen in sein Werk ein und gipfeln 1911 in dem Gemälde „Das Jüngste Gericht/Komposition V“. Dieses gilt heute als erstes abstraktes Bild der modernen Kunstgeschichte.

In diesem Sinn müssen auch die „Schnittlinien“ von 1923 betrachtet werden. Konsequent verzichtet der Künstler auf natürliche Vorbilder. Indem er gar nicht erst versucht, vertraute Phänomene abzubilden, vermeidet er alle Widersprüche und Vergleiche. Er geht in diesem Vorhaben auch weiter als etwa die französischen Kubisten seiner Zeit. Ein Maler wie Fernand Léger baute seine Bilder regelrecht aus kristallinen oder kubistischen Formen auf und verlieh ihnen dadurch eine außerordentlich plastische Anmutung. Davon ist in den „Schnittlinien“ nichts zu spüren. Sowohl Geometrie als auch Stereometrie lehnt Kandinsky als Mittel zum Zweck ab. Indem der Künstler aber mit vertrauten Sehweisen und Bildvorstellungen bricht, gibt er uns eben den Schlüssel zum – wenn man so will – Verständnis des Werks an die Hand. Denn auf die Art werden wir animiert, Farben und Formen so zu sehen, als seien sie etwas völlig neuartiges. Eine freie Phantasie wie die „Schnittlinien“ erfordert denn auch Offenheit und Neugierde im Auge des Betrachters.

Der Name des Bildes ist Programm: In seiner unverwechselbaren Formsprache entwirft Kandinsky ein wildes „Durcheinander“ aus geraden und geschwungenen Linien, Vierecken, Dreiecken, Kreisen und Ellipsen. Ein klar abgesetzter Vorder- oder Hintergrund lässt sich nicht feststellen; ebenso versagen herkömmliche Kategorien wie „oben“ und „unten“. Schließlich lässt sich das Bild von links nach rechts ebenso wie umgekehrt betrachten. Der Versuch liegt nahe, gewisse Formen mit real existierenden Gegenständen abzugleichen. So könnte die blaue Fläche mit den farbigen Punkten in der linken oberen Bildecke eine Palette darstellen. Auch das Gitternetz oder das Viereck mit schachbrettartigem Muster wecken Assoziationen an die uns vertraute Welt. Doch präsentieren sich diese Dinge aus jedem bekannten Kontext herausgelöst und gewinnen dadurch ihre Autonomie. Sie existieren allein als Bestandteile des künstlerischen Werks. Diese Sichtweise wird nicht zuletzt durch die völlig freien Linien und Flächen unterstützt. Deutlich ist dem Bild anzumerken, wie Kandinsky nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten strebte. Dass er auf existente Formen wie Dreiecke oder Vierecke zurückgriff, liegt in der Natur der Sache. Denn jeder Künstler beruft sich nun einmal auf einen mehr oder weniger bewährten Formenschatz. Auch Kandinsky kann sich in den „Schnittlinien“ nicht gänzlich davon freimachen. Gleichwohl konfrontiert er uns nicht mit einer feststehenden, unverrückbaren Aussage. Den „Schnittlinien“ ist jede dogmatische Herangehensweise fremd. Das Bild ist eine Einladung an den Betrachter, die zwanglose Komposition sowie das Zusammenspiel der Farben ohne Hintergedanken auf sich wirken zu lassen. © Meisterdrucke
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