Durch einen Riss in der Wolkendecke fällt das Mondlicht senkrecht auf das Meer. Der Mond selbst ist nur eine kleine helle Scheibe, aber um ihn herum glühen die Wolkenränder, und unter ihm zieht sich eine Lichtbahn über die Brandung, bis sie zwischen den Felsen im Vordergrund in weißer Gischt aufbricht. Links hinten steht der Vesuv mit einer roten Flamme auf dem Gipfel, rechts hält ein kahler Baum den Bildrand, und die Felsblöcke davor bleiben nahezu schwarz. Alles Übrige ist Dunkelheit in Brauntönen. Auf der Leinwand Leonardo verhält sich dieses Licht nicht ganz still: Wer vor dem Bild steht und den Kopf ein wenig bewegt, sieht die Wellenkämme einen leisen Schimmer zurückgeben, während der Himmel matt bleibt. Bei der Endkontrolle in der Werkstatt hat genau dieser Moment jemanden kurz innehalten lassen - das Wasser schien für einen Augenblick tatsächlich zu glänzen, und es dauerte eine Sekunde, bis klar war, dass es die Leinwand war und nicht die Lampe. Joseph Rebell, 1787 in Wien geboren und 1828 dort gestorben, lebte mehrere Jahre in Neapel und Rom und malte dort wieder und wieder dieses südliche Licht über dem Meer: Mondnächte, Küstenstreifen, Brandung an vulkanischem Gestein. Das Bild entstand 1822; das Original hängt heute in der Galleria Nazionale in Parma. Rebell steht zwischen klassizistischer Ordnung und romantischer Wetterlust, und beides ist hier zu sehen: der Mond exakt in der Bildmitte, darunter Sturm, Feuer und schäumende See.
Diese Anfertigung sitzt ohne Glas und ohne Passepartout in Anima, einer schmalen Holzleiste in dunklem Braun. Ihre Oberfläche zeigt eine offenporige Maserung mit feinen helleren Strichen quer im Holz, die Kante läuft leicht gerundet, und die Leinwand stößt direkt an das Profil. Den Eindruck bestimmt aber das Gewebe von Leonardo. In den dunklen Zonen - dem Himmel oben, den Felsen unten - tritt es als gleichmäßiges Körnchenmuster hervor, jede Kreuzung von Kett- und Schussfaden einzeln erkennbar; die Druckfarbe liegt als dünne Schicht darüber und folgt den Erhebungen stärker als den Vertiefungen. Die Nacht bekommt dadurch eine samtige Rauheit. An den Wellenkämmen ändert sich das: Dort schließt die helle Farbe das Gewebe weitgehend, die Fläche wirkt glatter, und die Gischt steht als geschlossenes Relief über dem dunkleren Wasser. Folgt der Blick vom Felsen links in die Brandung, wechselt die Oberfläche spürbar vom Korn ins Glatte - ein Materialkontrast, der dem Wechsel von Dunkel und Licht im Gemälde ziemlich genau entspricht. Nicht jedes Detail trägt das mit; das kleine Vesuv-Feuer verliert sich in der Körnung beinahe, bevor man es sucht, man muss schon wissen, dass es dort brennt. Der dunkle Rahmen wiederum setzt den schwarzbraunen Ton der Felsen über den Bildrand hinaus fort, sodass die Bildgrenze an den finsteren Stellen kaum auffällt und nur das helle Lichtfeld in der Mitte für sich steht - eine Fassung, die dem Bild weniger eine Grenze als einen zusätzlichen Schatten gibt.