Quer durch das Gedränge laufen Gewehrläufe, Säbel und Lanzen als harte Diagonalen, während sich über den dicht verschränkten Körpern von Soldaten und Pferden ein weiter, fast kreisförmig gefasster Himmel öffnet, der dem Kampf wenigstens nach oben etwas Luft lässt. Im erhöhten Zentrum führt der Alte Dessauer auf einem Schimmel den Angriff an, den Degen erhoben, umgeben von Fahnen, Pulverdampf und Männern, deren Bewegungen sich kaum noch voneinander trennen lassen; Schwarz, gebrochenes Weiß und erdige Töne bestimmen die Szene, dazwischen setzen rote Uniformteile scharfe Zeichen. Hermann Joseph Wilhelm Knackfuss malt das Bild 1883 und gehört zu jener Generation deutscher Historienmaler, die vergangene Ereignisse nicht als nüchterne Chronik, sondern als anschauliches Drama erzählen - und man merkt, wie sicher ihm die Führung der Hauptfigur gelingt: Trotz des Getümmels bleibt der Feldherr lesbar, weil Haltung, Pferd und erhobene Klinge eine eigene Blickachse bilden. Die Schlacht von Turin erscheint dadurch weniger als geordnete militärische Handlung denn als unmittelbarer Zusammenstoß, laut, eng und körperlich, doch über allem liegt zugleich die Distanz eines historischen Erinnerungsbildes.
Bei dieser Anfertigung übernimmt allein die auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand Leonardo die äußere Form, ohne Zierrahmen, Passepartout oder Glas - und auch eine nur gespannte Leinwand hat ihren Charme. Wer näher herangeht, sieht, dass die saubere Kante jedes zusätzliche Profil ersetzt: An der oberen rechten Ecke zieht sich das Tuch straff über den Holzkörper, die Faltung sitzt knapp hinter der Front, und eine kleine Verdickung am Eckpunkt verrät, wie das Material dort umgelegt ist. Keine Gehrung lenkt mit Ornament von dieser Konstruktion ab; stattdessen zeichnet die gerade Außenlinie den kompakten Körper der 57 x 48 Zentimeter großen Arbeit nach. Seitlich läuft ein weißer Rand, an dem man ablesen kann, wo die bedruckte Vorderfläche endet, während die obere Umschlagkante dunkel weiterläuft und an der Ecke präzise zusammentrifft. Der satinierte Charakter von Leonardo bleibt dabei nur als feiner Oberflächeneindruck spürbar. Aus schräger Perspektive zeigt sich besonders gut, dass dieses Stück nicht vorgibt, ein gerahmtes Tafelbild zu sein: Es steht als gespannte Leinwand sichtbar von der Wand ab, mit festen Kanten und einer erfreulich direkten Verarbeitung.
Gerade die Verbindung aus dicht erzählter Historienmalerei und offen gezeigtem Keilrahmen macht die Reproduktion glaubwürdig, weil sich nichts zwischen Bild und Betrachtung schiebt. An einer freien Wand steht der Leinwandkörper für sich - das Getümmel der Schlacht braucht kein schweres Rahmenprofil, um zu wirken.