Eine violette Bitterorange erwartet niemand. Genau deshalb bleibt der Blick an der dunklen Frucht rechts hängen, die zwischen grünen und violetten Tönen changiert, während links die reife Pomeranze in warmem Orange leuchtet. Das Blatt zeigt Citrus aurantium in der seltenen Variante Bigaradia violacea: ein einzelner Zweig mit Blättern, weißen und rosafarbenen Blüten, jungen und reifen Früchten. Alles steht frei auf hellem Grund, sauber beschriftet, mit Tafelnummer oben und zweisprachiger Bezeichnung unten. Mir gefallen gerade diese violetten Früchte, weil sie das sonst sehr klassische botanische Blatt sofort ungewöhnlicher machen. Pierre-Joseph Redouté (1759-1840) gilt als "Raffael der Blumen". Er verband botanische Genauigkeit mit einer feinen Pflanzenmalerei und arbeitete unter anderem für Marie Antoinette und Kaiserin Joséphine. Diese Verbindung aus Wissenschaft und Anmut trägt das ganze Blatt: Jede Blattader stimmt, und trotzdem wirkt nichts trocken.
Gedruckt ist das Blatt auf Leonardo, einer satinierten Leinwand, auf Keilrahmen gezogen, 35 x 45 cm, ohne Glas und ohne Passepartout. Was diese Anfertigung ausmacht, ist die Farbverwandtschaft zwischen Bild und Rahmen. Sinead, ein schlichtes Profil mit Eichenfurnier, sitzt farblich genau zwischen dem warmen Beige des Papiergrunds und den olivgrünen Blättern. Das Holz wirkt wie eine Fortsetzung des Zweigs im Bild - derselbe naturbelassene Ton, nur eine Nuance kräftiger. Die kühlere violette Frucht bekommt dadurch mehr Gewicht; sie ist der einzige Ton, der im Rahmen kein Echo findet, und genau das macht sie zum Blickpunkt. Auch das Orange der reifen Frucht steht neben dem hellen Eichenholz wärmer da, als es auf weißem Grund je könnte. Eine Wahl, der man die Überlegung anmerkt. Die sichtbare Maserung im Furnier läuft an den Gehrungsecken sauber zusammen, kein Lack, kein Glanz - der Rahmen bleibt Material, so wie die Pflanze im Bild Pflanze bleibt. Das Motiv ist übrigens seitlich gespiegelt ausgeführt. Aus der Nähe schimmert der Punktaufbau der alten Stichvorlage durch den Druck, besonders in der Schattierung der reifen Frucht - an diesem Detail bleibe ich jedes Mal hängen. So schließt sich der Kreis: wissenschaftliche Präzision im Blatt, unbehandeltes Holz drumherum, und dazwischen diese eine Frucht, die farblich aus der Reihe tanzt.