Ein breiter weißer Rand umgibt hier die Komposition, bevor der schwarze Rahmen sie fasst - und genau diese Ruhezone tut dem Bild gut. Denn was Kandinsky 1925 auf die Fläche bringt, ist alles andere als still: Gelb, Rot und Blau stehen nicht einfach nebeneinander, sie wirken wie unterschiedliche Kräfte, die zwischen Kreisen, Linien und geometrischen Formen gegeneinander arbeiten. Links das strahlende, fast schwebende Gelb mit seinen feinen schwarzen Strichbündeln, rechts das schwere, in sich kreisende Blau, dazwischen der rote Keil und ein Gewirr aus Schachbrettfeldern, Bögen und einer geschwungenen schwarzen Linie, die sich wie ein Faden durch die rechte Bildhälfte schlängelt. Ich finde den hellen Rand an dieser Stelle besonders passend, weil das Motiv selbst schon so viel Farbe und Bewegung mitbringt und so etwas Abstand zum Schwarz der Leiste bekommt. Kandinsky, geboren 1866 in Russland, verstand Farbe als etwas Eigenständiges mit emotionaler und rhythmischer Wirkung - nicht als Mittel, Gegenstände abzubilden, sondern als Klang, der für sich steht. "Gelb - Rot - Blau" entsteht während seiner Zeit am Bauhaus und gilt als eine seiner konzentriertesten Auseinandersetzungen mit genau dieser Idee.
Hängen bleibt der Blick an einem winzigen Detail rechts der Bildmitte: ein Mosaik aus vielleicht zwanzig kleinen Farbquadraten auf dem violetten Feld, jedes kaum fingernagelgroß. Der Druck gibt jedes einzelne davon sauber getrennt wieder - Türkis neben Orange neben Rosa, mit klaren Kanten, während direkt daneben die weichen Wolkenübergänge des Violetts ohne Bruch verlaufen. Dass beides nebeneinander funktioniert, harte Fläche und verwaschener Farbnebel, spricht für die satinierte Leinwand Leonardo, die auch die schwarzen Linien über dem gelben Grund gestochen scharf zieht. Friedegarde, eine schmale schwarze Leiste, mischt sich farblich nicht ein - der Rahmen schlägt eher eine Brücke in die Epoche, aus der das Werk stammt. Das breite Querformat lässt den vielen Formen Luft nebeneinander. Trotz allem Gewimmel kippt die Komposition nie ins Chaotische, sie bleibt merkwürdig ausbalanciert - und wenn Tageslicht seitlich über die Oberfläche streicht, hebt der leichte Satinschimmer das Gelb noch einmal an, ohne die dunklen Partien zu spiegeln. Genau so soll das aussehen.