Aus der tief angesetzten Vase steigt der Strauß in einer lockeren, beinahe kreisenden Bewegung empor; einzelne Stiele verlieren sich im bräunlich grünen Grund, während die Blüten wie verstreute Farbinseln daraus hervortreten. Rote Mohnblumen bestimmen den oberen Bogen und setzen mit ihren dunklen Zentren feste Blickpunkte. Dazwischen stehen weiße, rosafarbene und gelbe Blüten, teils weit geöffnet, teils noch zusammengenommen. Ihre Formen bleiben weich, bisweilen nur angedeutet, als entstünden sie erst während des Sehens. Unten fängt ein heller Tischstreifen die graublaue Vase auf, doch auch hier fehlen harte Grenzen. Redon ordnet das Stillleben nicht nach botanischer Genauigkeit: Farbe, Erinnerung und Erscheinung greifen ineinander. Gerade an den kleinen blauen Einsprengseln zwischen den Mohnköpfen bleibt man hängen - sie kühlen das gedämpfte Rot und geben dem üppigen Strauß etwas Nachdenkliches, ohne ihm seine körperliche Präsenz zu nehmen.
Bei dieser Anfertigung auf Leinwand Salvador entscheidet die matte Stoffoberfläche wesentlich darüber, wie nah das Bild wirkt. Das Gewebe zeichnet sich selbst durch die roten Mohnblätter und den graubraunen Hintergrund hindurch ab; besonders rechts oben zerlegt sein feines Raster die scheinbar geschlossenen Farbflächen in viele kleine Erhebungen. Auch die weißen und rosafarbenen Blüten wirken nicht glatt gedruckt: Helle Schichten sitzen optisch über dunkleren Spuren, während einzelne violette Striche wie nachträglich gesetzte Pinselzüge stehen bleiben. Man möchte darüberstreichen, obwohl schon die sichtbare Körnung genug über die Haptik verrät. Ohne Glas bleibt diese Oberfläche unverstellt; der Noemi zieht darum lediglich eine schmale goldene Grenze um das Ganze. Ein tatsächliches Farbrelief hat der Druck nicht, doch Stoff und Druckschichten erzeugen aus kurzer Distanz eine Tiefe, die mich beim Betrachten der Fotos selbst überrascht hat. So bewahrt die Ausführung vor allem jenes tastende Nebeneinander von Setzung und Korrektur, das den Strauß im Moment seiner Entstehung lebendig erscheinen lässt.